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 Duisburg,
14. August 2026 - Hier würden sich normalerweise Hase und
Igel „Gute Nacht“ sagen. Wenn nicht 7000 Menschen auf den
vom Dorfkern entlegenen Kuh- und Pferdewiesen an diesem
verlängerten Augustwochenende Party machen würden. Jedes
Jahr gesittet zwar, doch irgendwie so laut, dass Hase und
Igel mal drei Tage lang besser in ihrem Bau bleiben – oder
sich woanders „Gute Nacht“ sagen.

Vom ganzen Niederrhein ist das musikbegeisterte Publikum
angereist. Nein, natürlich nicht nur vom Niederrhein,
sondern noch von viel weiter, denn das Haldern-Pop-Festival
hat in der Indie-Pop-Szene ein Alleinstellungsmerkmal
erreicht. Es gilt als das im 43. Jahr zweitälteste
durchgängig bespielte Open-Air-Festival Deutschlands. Das
hätten sich die Veranstalter, als sie 1984 in einer
Messdienergruppe die Idee hatten, hier etwas Größeres
aufzuziehen, bestimmt nicht träumen lassen.

An der Straße zu den Campingwiesen fällt von Weitem
direkt ein Schild auf: Eine Kuh, die auf dem Rücken liegt,
die vier Beine abgespreizt in die Höhe. Jetzt könnte man
meinen, es bedeute: hier bitte keine Kühe umschubsen! Das
wäre sicherlich versponnen genug für die Macher vom Haldern-Pop,
zumal auf den anrainenden, abgemähten strohig-staubigen
Kuhwiesen unzählige Besucherautos parken - ernsthafter ist
aber der Hintergedanke. Bei näherem Hinsehen sollen die
roten Kringel auf dem Schild, Kronkorken von Bierflaschen
darstellen, die man doch bitte nicht auf den Wiesen liegen
lassen möge. „Es ist vorgekommen, dass Kühe später die
Korken mit Gras und Heu vermischt gefressen haben“, sagt uns
Sabine. „Und dann umgefallen sind.“ Diese Korken aus
Weißblech und Aluminium könnten selbst von den vier Mägen
der Wiederkäuer nur schwerlich verdaut werden, erklärt uns
die resolute Mittsechzigerin.
 Deswegen stehe der Umwelt- und Naturschutzgedanke und die
Müllvermeidung beim Festival im Vordergrund. Sabine ist
jetzt fast 40 Jahre im Organisationsteam dabei, kennt das
Event noch aus den Kinderschuhen.

„Das ganze Dorf ist irgendwie involviert, bestimmt 600 Leute
helfen hier dieses Jahr aktiv mit“, weiß die Frau mit der
Brille und Bob-Frisur. Quasi jeder zehnte Einwohner. „Morgen
bin ich am Weinstand eingeteilt, da helfe ich inzwischen am
liebsten.“ Betätigungsfelder haben die Helfer genug, vom
Zapfen und Ausschenken am Bierstand, Kuchen backen und
verkaufen, grillen, Ordnerdienst, bis zum Becher einsammeln.
Aber warum das? Gibt es kein Pfand mehr für die
Plastikbecher? „Es hat sich tatsächlich nicht gelohnt,
dafür einen Euro Pfand zu nehmen, weil es den Leuten in
vormaligen Jahren nicht wichtig genug war, für das Geld die
Becher zurückzubringen“, erklärt Sabine.

Ein paar Meter weiter sitzen Harold und Miriam an der
spartanischen, aber gemütlichen Biergartengarnitur. Sie sind
aus den Niederlanden angereist, aus Nijmegen. „Wir finden
dieses Festival so besonders, weil wir so etwas in Holland
nicht haben. Bei uns sind die Festivals viel kommerzieller
als das Haldern-Pop“, meint Miriam. Das Pink-Pop-Festival im
niederländischen Landgraaf sei ein Beispiel für die
fortschreitende Kapitalisierung von Open-Air-Veranstaltungen
im Nachbarland, das Haldern-Pop braucht den
Merchandise-Stand mit T-Shirts etc. für die Refinanzierung
des nächsten Festivals..

Campen werden die beiden sympathischen Niederländer
jedenfalls nicht zusammen in Haldern, Miriam fährt zurück
ins nahe Holland, um am nächsten Tag fit zurückzukehren,
Harold nimmt die Verspannungen an Nacken und Rücken im Zelt
in Kauf, die sich unweigerlich durch Iso-Matte und vom Boden
aufziehende kalte Feuchtigkeit in der Reeser Nacht ergeben
werden. Beide wollen aber am Freitag noch zusammen The
Notwist und den großartigen, israelischen Entertainer Asaf
Avidan sehen. Wir finden, um zu suchen

Auch wenn die Halderner, so wie jedes Jahr, die Kirche im
knapp zwei Kilometer entfernten Dorf lassen, so entwickelt
sich auf den drei säkularen Bühnen der Mainstage, dem
Niederrheinzelt und dem Spiegelzelt ein Hochamt der
unabhängigen Popmusik.

Notwist liefern ein solides Programm vorwiegend aus den
Alben „Vertigo Days“ und dem neuen Werk „News from Planet
Zombie“. Zwischendurch fließen Sequenzen aus dem „Neon
Golden“-Album ein, die Nummern „Pilot“ und „Pick up the
Phone“ laden zum Mitsingen ein, für den, der sie erkennt,
denn auch die hartgesottenen Kenner der Band aus Weilheim
müssen ihre Gehörgänge durch die ganze Frickelei von
Samples, Vibra- und Susaphonspiel zumindest bis zum
Refrain freispülen, um die Songs zu identifizieren.

Später fragt man sich, welche Sprechstimme eigentlich dieser
knarzig-schrullige Sänger Asaf Avidan hat, der sich da
teilweise Countertenorartig in obere tonale Höhen
schraubt, ja manchmal so rauchig und rau klingt wie Marla
Glen. Jedenfalls, die ausgeklügelten Songs, die er mit
seiner Band performt, haben teilweise Opern-Charakter und
dementsprechend divenhaft und vollkommen durch
choreografiert bewegt sich Asaf Avidan, am Schluss mit
halboffenem weißen Hemd über die Bühne. Dabei wirkt er wie
der begnadete, aber verzweifelte Sänger Orpheus, der
liebestrunken über den stürmischen Styx schippert.

Zur Pilgerstätte wurde auch die St.Georgs-Kirche bei
den Konzerten von Bonnie „Prince“ Billy, aka Will Oldham,
der mit seinem melancholischen Americana-Folk-Blues-Gemisch
das traurige Lebensgefühl der US-Landbevölkerung vermittelt.
Cantus Domus, die den Gästen eine lateinische Messe sangen,
und da war noch Sara Parkman. Sie war es auch, die zur
Primetime am Freitag auf der Niederrhein-Bühne ihren
Weltschmerz herausschrie, Erinnerungen an Lisa Gerrard von
Dead Can Dance wurden wach bei ihrem Gesang. Eine Entdeckung
im Spiegelzelt war die total verspielte US-Band „Horselords“,
die teilweise wie „Tortoise“ ohne Gesang mit Ambient-Rock
rüberkam.

Am Samstagabend übernahmen dann die „Sportfreunde
Stiller“ die Hauptbühne, liebevoll „Die Sportis“ von ihren
Fans genannt. Sie brachten dieses alle verbindende
musikalische Element ein, denn tatsächlich einigten sich
etwa 5000 junge und ältere Musikfans und verweilten bei
ihren vielen Hits vor der Bühne. Pünktlich zum Anstoß kam
noch eine Mannschaft der HSG Haldern-Mehrhoog-Isselburg in
ihren rot-weißen Trikots vorbei, die Sportfreunde traten
mehr in Schwarz-Weiß an, in ihrem gewohnt berufsjugendlichem
Outfit mit langer Trainingshose und Base-Cap. Es war dennoch
ein Heimspiel für sie, denn als Sänger Peter Stephan Brugger
das Publikum fragte, wie viele Zuschauer alle, inzwischen
vier Konzerte der Sportfreunde auf dem Haldern-Pop gesehen
hätten, reckten mehr als 100 Zuschauer die Hände in die
Höhe.
Die Jahreszahlen ihrer Auftritte in Rees -
1999, 2000, 2005 und 2026 - eignen sich leider nicht dazu
einen Hit daraus zu basteln, wie sie es mit „54,74,90,2006“
zum „Sommermärchen“ schafften. Aufgrund des bescheidenen
Abschneidens der deutschen Mannschaft bei der WM sparten sie
diesen Mega-Hit allerdings besser aus. Stattdessen gab es
eine Würdigung der Deutschland-Bezwinger, in Form des
ehemaligen Nationalspieler Paraguays, Roque Santa Cruz, in
dem Song „Ich Roque!“ als Zugabe – und tatsächlich rockten
da die Fans mit ihnen. Und es gab viel „Applaus – Applaus
für ihre Worte“...  
Inzwischen hat Sabine ihre Schicht am Weinstand hinter sich
und nippt an einem Glas kühlem Weißwein bei immer noch
Temperaturen um die 30 Grad. Welchen Act wünscht sie sich in
den nächsten Jahren für das Haldern-Pop? „Also, U2 wäre
mal nicht schlecht hier“, sagt die engagierte Helferin.
Allerdings müssten dann noch mehr anrainende Landwirte ihre
Flächen zur Verfügung stellen und Hase und Igel würden wohl
gänzlich das heimelige Biotop verlassen...

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