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Haldern Pop
Applaus – Applaus für dieses Festival!
Stephan Sadowski


Duisburg, 14. August 2026 - Hier würden sich normalerweise Hase und Igel „Gute Nacht“ sagen. Wenn nicht 7000 Menschen auf den
vom Dorfkern entlegenen Kuh- und Pferdewiesen an diesem verlängerten Augustwochenende Party machen würden.
Jedes Jahr gesittet zwar, doch irgendwie so laut, dass Hase und Igel mal drei Tage lang besser in ihrem Bau bleiben – oder sich woanders „Gute Nacht“ sagen.

Vom ganzen Niederrhein ist das musikbegeisterte Publikum angereist. Nein, natürlich nicht nur vom Niederrhein, sondern noch von viel weiter, denn das Haldern-Pop-Festival hat in der Indie-Pop-Szene ein Alleinstellungsmerkmal erreicht. Es gilt als das im 43. Jahr zweitälteste durchgängig bespielte Open-Air-Festival Deutschlands. Das hätten sich die Veranstalter, als sie 1984 in einer Messdienergruppe die Idee hatten, hier etwas Größeres aufzuziehen, bestimmt nicht träumen lassen.

An der Straße zu den Campingwiesen  fällt von Weitem direkt ein Schild auf: Eine Kuh, die auf dem Rücken liegt, die vier Beine abgespreizt in die Höhe. Jetzt könnte man meinen, es bedeute: hier bitte keine Kühe umschubsen! Das wäre sicherlich versponnen
genug für die Macher vom Haldern-Pop, zumal auf den anrainenden, abgemähten strohig-staubigen Kuhwiesen unzählige Besucherautos parken - ernsthafter ist aber der Hintergedanke. Bei näherem Hinsehen sollen die roten Kringel auf dem Schild, Kronkorken von Bierflaschen darstellen, die man doch bitte nicht auf den Wiesen liegen lassen möge.
„Es ist vorgekommen, dass Kühe später die Korken mit Gras und Heu vermischt gefressen haben“, sagt uns Sabine. „Und dann umgefallen sind.“ Diese Korken aus Weißblech und Aluminium könnten selbst von den vier Mägen der Wiederkäuer nur schwerlich
verdaut werden, erklärt uns die resolute Mittsechzigerin.

Deswegen stehe der Umwelt- und Naturschutzgedanke und die Müllvermeidung beim Festival im Vordergrund. Sabine ist jetzt fast 40 Jahre im Organisationsteam dabei, kennt das Event noch aus den Kinderschuhen.

„Das ganze Dorf ist irgendwie involviert, bestimmt 600 Leute helfen hier dieses Jahr aktiv mit“, weiß die Frau mit der Brille und Bob-Frisur. Quasi jeder zehnte Einwohner. „Morgen bin ich am Weinstand eingeteilt, da helfe ich inzwischen am liebsten.“
Betätigungsfelder haben die Helfer genug, vom Zapfen und Ausschenken am Bierstand, Kuchen backen und verkaufen, grillen, Ordnerdienst, bis zum Becher einsammeln.
Aber warum das? Gibt es kein Pfand mehr für die Plastikbecher?
„Es hat sich tatsächlich nicht gelohnt, dafür einen Euro Pfand zu nehmen, weil es den Leuten in vormaligen Jahren nicht wichtig genug war, für das Geld die Becher zurückzubringen“, erklärt Sabine.

Ein paar Meter weiter sitzen Harold und Miriam an der spartanischen, aber gemütlichen Biergartengarnitur. Sie sind aus den
Niederlanden angereist, aus Nijmegen. „Wir finden dieses Festival so besonders, weil wir so etwas in Holland nicht haben. Bei uns sind die Festivals viel kommerzieller als das Haldern-Pop“, meint Miriam. Das Pink-Pop-Festival im niederländischen Landgraaf sei ein Beispiel für die fortschreitende Kapitalisierung von Open-Air-Veranstaltungen im Nachbarland, das Haldern-Pop braucht den Merchandise-Stand mit T-Shirts etc. für die Refinanzierung des nächsten Festivals.. 

Campen werden die beiden sympathischen Niederländer jedenfalls nicht zusammen in Haldern, Miriam fährt zurück ins nahe Holland, um am nächsten Tag fit zurückzukehren, Harold nimmt die Verspannungen an Nacken und Rücken im Zelt in Kauf, die sich unweigerlich
durch Iso-Matte und vom Boden aufziehende kalte Feuchtigkeit in der Reeser Nacht ergeben werden. Beide wollen aber am Freitag noch zusammen The Notwist und den großartigen, israelischen Entertainer Asaf Avidan sehen.
 
Wir finden, um zu suchen

Auch wenn die Halderner, so wie jedes Jahr, die Kirche im knapp zwei Kilometer entfernten Dorf lassen, so entwickelt sich auf den drei säkularen Bühnen der Mainstage, dem Niederrheinzelt und dem Spiegelzelt ein Hochamt der unabhängigen Popmusik.

Notwist liefern ein solides Programm vorwiegend aus den Alben „Vertigo Days“ und dem neuen Werk „News from Planet Zombie“. Zwischendurch fließen Sequenzen aus dem „Neon Golden“-Album ein, die Nummern „Pilot“ und „Pick up the Phone“ laden zum Mitsingen ein, für den, der sie erkennt, denn auch die hartgesottenen Kenner der Band aus Weilheim müssen ihre Gehörgänge durch die ganze Frickelei von Samples, Vibra- und Susaphonspiel zumindest bis zum  Refrain freispülen, um die Songs zu identifizieren.

Später fragt man sich, welche Sprechstimme eigentlich dieser knarzig-schrullige Sänger Asaf Avidan hat, der sich da teilweise  Countertenorartig in obere tonale Höhen schraubt, ja manchmal so rauchig und rau klingt wie Marla Glen. Jedenfalls, die ausgeklügelten Songs, die er mit seiner Band performt, haben teilweise Opern-Charakter und dementsprechend divenhaft und vollkommen durch choreografiert bewegt sich Asaf Avidan, am Schluss mit halboffenem weißen Hemd über die Bühne. Dabei wirkt er wie der begnadete, aber verzweifelte Sänger Orpheus, der liebestrunken  über den stürmischen Styx schippert.

Zur Pilgerstätte wurde auch die St.Georgs-Kirche  bei den Konzerten von Bonnie „Prince“ Billy, aka Will Oldham, der mit seinem melancholischen Americana-Folk-Blues-Gemisch das traurige Lebensgefühl der US-Landbevölkerung vermittelt. Cantus Domus, die den Gästen eine lateinische Messe sangen, und da war noch Sara Parkman. Sie war es auch, die zur Primetime am Freitag auf der Niederrhein-Bühne ihren Weltschmerz herausschrie, Erinnerungen an Lisa Gerrard von Dead Can Dance wurden wach bei ihrem Gesang. Eine Entdeckung im Spiegelzelt war die total verspielte US-Band „Horselords“, die teilweise wie „Tortoise“ ohne Gesang mit Ambient-Rock rüberkam.

Am Samstagabend übernahmen dann  die „Sportfreunde Stiller“ die Hauptbühne, liebevoll „Die Sportis“ von ihren Fans genannt. Sie brachten dieses alle verbindende musikalische Element ein, denn tatsächlich einigten sich etwa 5000 junge und ältere Musikfans und verweilten bei ihren vielen Hits vor der Bühne. Pünktlich zum Anstoß kam noch eine Mannschaft der HSG Haldern-Mehrhoog-Isselburg in ihren rot-weißen Trikots vorbei, die Sportfreunde traten mehr in Schwarz-Weiß an, in ihrem gewohnt berufsjugendlichem Outfit mit
langer Trainingshose und Base-Cap. Es war dennoch ein Heimspiel für sie, denn als Sänger Peter Stephan Brugger das Publikum fragte, wie viele Zuschauer alle, inzwischen vier Konzerte der Sportfreunde auf dem Haldern-Pop gesehen hätten, reckten mehr als 100 Zuschauer die Hände in die Höhe.

Die Jahreszahlen ihrer Auftritte in Rees - 1999, 2000, 2005 und 2026 - eignen sich leider nicht dazu einen Hit daraus zu basteln, wie sie es mit „54,74,90,2006“ zum „Sommermärchen“ schafften. Aufgrund des bescheidenen Abschneidens der deutschen Mannschaft bei der WM sparten sie diesen Mega-Hit allerdings besser aus. Stattdessen gab es eine Würdigung der Deutschland-Bezwinger, in Form des ehemaligen Nationalspieler Paraguays, Roque Santa Cruz, in dem Song „Ich Roque!“ als Zugabe – und tatsächlich rockten da die Fans
mit ihnen. Und es gab viel „Applaus – Applaus für ihre Worte“... 
Inzwischen hat Sabine ihre Schicht am Weinstand hinter sich und nippt an einem Glas kühlem Weißwein bei immer noch Temperaturen um die 30 Grad. Welchen Act wünscht sie sich in den nächsten Jahren für das Haldern-Pop?
„Also, U2 wäre mal nicht schlecht hier“, sagt die engagierte Helferin. Allerdings müssten dann noch mehr anrainende Landwirte ihre Flächen zur Verfügung stellen und Hase und Igel würden wohl gänzlich das heimelige Biotop verlassen...