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Von Duisburg-Homberg nach Chile und ins Universum
Stephan Sadowski

Duisburg, 14. August 2026 - In alten römischen Schriften findet man oft den Begriff „Vertex“. Gemeint ist damit, der höchste Punkt eines Berges, sozusagen der Gipfel. Diesen will die Homberger Firma „Vertex“ erklimmen, nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in topografischer Hinsicht. Schließlich fertigte das Duisburger Unternehmen das gerade in Chile in mehr als 5000 Metern Höhe aufgebaute Fred-Young-Submillimeter-Telescope (FYST). Es wiegt etwa 250 Tonnen, hat eine Länge von 18 Metern und ist 15 Meter hoch und sechs Meter breit, eben ein richtiger Koloss. Von dort aus werden Astronomen zukünftig ferne Galaxien beobachten können und vielleicht auch Erkenntnisse  über die Entstehung des Universums, also den möglichen Urknall, bekommen.

„Das Material, das wir dort verbaut haben, muss extremen Temperatursprüngen standhalten“, erklärt uns der technische Direktor, Christian Bram. „Von mehr als minus 30 Grad Celsius bis knapp über Null Grad reichen die Unterschiede in der Höhe“, sagt der 38-jährige Ingenieur. Warum aber wurde ausgerechnet der 5600 Meter hohe Berg Cerro Cejnantor ausgewählt für die Platzierung des FYST? „Die Wüste ist da oben so trocken, so dass kein Wasserdampf irgendwelche Strahlung absorbieren kann“, weiß  Christian Bram. Er selbst sei schon fünf Mal in den Anden gewesen – freut sich auf den nächsten Besuch im September. Zum FYST gibt es übrigens eine kleine Anekdote: „Kürzlich war ein Professor von der Fachhochschule Niederrhein aus Kamp-Lintfort mit seinen Astronomie-Studenten bei uns, der auch schon in Chile mit einem Teleskop von uns geforscht hatte. Er wusste gar nicht, dass die Einzelteile dafür 20 Kilometer südöstlich entwickelt wurden – und erstmals in der Nachbarschaft, in Xanten vormontiert worden sind,“ erzählt Bram und lächelt. Man sieht daran, die Homberger Firma schwebt bei aller Antennenhochleistungstechnik noch etwas unter dem Radar in puncto Sichtbarkeit.

Aber nicht nur an diesem spannenden Projekt, das von der Universität Köln-Bonn mit ins Leben gerufen wurde, ist das Homberger Unternehmen beteiligt, 2019 ermöglichten 30 von Vertex gefertigte Radioteleskope die erste Aufnahme eines Schwarzen Loches, nachdem sie mit zwei anderen weltweit zusammengeschaltet wurden. Somit formten sie quasi ein Riesen-Teleskop, das dann ein Foto machte.

„Die Zeitungen waren kurz danach voll davon, wir waren ein kleines, aber wichtiges Rädchen im Getriebe, das dieses Phänomen ermöglichte“, so Christian Bram. Dann nimmt uns der technische Leiter mit auf eine kleine Exkursion in eine der drei Fertigungshallen, wo wir in ein zentrales bewegliches Bauteil einer Antenne, die für eine Bodenstation in Spanien vorgesehen ist, einsteigen. Diese soll künftig Mondmissionen begleiten, die zum Artemis-Programm gehören, so dass die Kommunikation zwischen Mond und Erde funktioniert. Richtig eng wird es beim Einstieg, überall ziehen sich viele, gebündelte Kabel entlang der Wände und Decken, ein lautes Dröhnen einer hochwirksamen Klimaanlage surrt in unseren Ohren.

„Hierin arbeiten die Forscher vor Ort, wir haben hier die modernste Hochfrequenz- und Klimatechnik verbaut. Die Temperatur bezogen auf die Außentemperatur bleibt mit leichten Schwankungen von zwei Grad ganz stabil“, erklärt uns Bram. Jedenfalls ist der Ort nichts für Klaustrophobiker, irgendwie wirkt dieser schwenkbare Antenneninnenraum wie ein kleiner Gang des Raumschiffs Nostromo aus dem bekanntem Alien-Film. „Damit die Temperatur stabil bleiben kann, haben wir eine Sprühisolierung an den Wänden aufgetragen“, weiß Christian Bram. Diese Dämmung hat auch irgendetwas alienhaftes, sie schimmert wie sprödes Gestein einer Tropfsteinhöhle im grellen Licht. Zurück in der Halle, sehen wir auf einer Empore Regale voller Aktenordner. Diese gehen noch auf die Anfänge von Vertex in den 90er-Jahren zurück, als die Digitalisierung noch nicht weit fortgeschritten war und sich die Firma gerade aus ihrem Vorläufer, der Krupp Industrietechnik, herausgebildet hatte. Der Technische Direktor erzählt mit einem Lächeln: „Ich bin da schon einige Male hochgeklettert und habe nach alten Bauskizzen gesucht.“ Und er hat sie tatsächlich gefunden.
 
Zu den spektakulärsten Projekten, an denen Vertex beteiligt ist, zählen aktuell die Lieferungen von 20-Meter-Bodenstationen für künftige Mondmissionen der ESA, weiterhin entwickelten die Homberger Ingenieure sieben Antennen für das Satellitennavigationssystem Galileo, 25 Teleskope für das ALMA-Projekt und die ersten drei 35-Meter-Deep Space-Antennen für die ESA. Jetzt im September wird das FYST in Chile in Betrieb genommen.

„Wichtig beim Design solcher Anlagen ist, dass wir von vornherein schon die Verpackung, Hebesysteme und Transporteinheiten der riesigen Bauteile planen. So musste die Weseler Rheinbrücke für einen Schwertransport eines Bauteils, das nach Chile geliefert wurde,  von Xanten nach Wesel vorübergehend gesperrt werden“, erklärt Christian Bram. Die Firma an der Baumstraße hat momentan etwa 100 Mitarbeiter und lässt eine vierte Fertigungshalle unmittelbar neben dem Hauptgebäude auf einem Grundstück des Unternehmerparks Rheinpreußen bauen,   sie wird etwa 4300 Quadratmeter groß sein – die Auftragslage ist dementsprechend gut.

Aber wie kommt ein Homberger Unternehmen überhaupt an Aufträge von der NASA und Co.? „Unser hochspezialisiertes Know-How in der Kommunikations- und Antennentechnik ist unsere Stärke, und wir bieten den Kunden passgenaue Lösungen für ihre Projekte“, verrät Christian Bram.